30 Millionen für Thüringens Radwege: Was Nordthüringen braucht
Thüringen will über 30 Millionen Euro in Radwege investieren. Was Kyffhäuserkreis, Unstrut-Hainich-Kreis und Eichsfeld jetzt priorisieren sollten.
30 Millionen Euro für Thüringens Radwege: Welche Verbindungen Nordthüringen jetzt braucht
Thüringen will beim Radwegebau sichtbar schneller werden. Nach der ersten großen Fahrradsternfahrt des ADFC Thüringen am 7. Juni 2026 steht die politische Zusage im Raum: In den nächsten zwei Jahren sollen über 30 Millionen Euro in den Radwegebau fließen, ab 2027 sollen kommunale Rad- und Gehwege stärker gefördert werden.
Für Nordthüringen ist das mehr als eine Zahl aus Erfurt. Kyffhäuserkreis, Unstrut-Hainich-Kreis und Eichsfeld brauchen sichere Alltagsverbindungen zwischen kleineren Orten, Bahnhöfen, Schulen, Arbeitsplätzen und touristischen Achsen. Die wichtigste Frage lautet deshalb nicht: „Wie viel Geld bekommt welcher Kreis?“ Sondern: „Welche Lücken müssen zuerst geschlossen werden, damit E-Bike-Pendler nicht länger auf schnelle Landstraßen ausweichen müssen?“
Was die neue Radwege-Zusage bedeutet
Die Ankündigung kommt zu einem passenden Zeitpunkt. Thüringen hat viele touristische Routen, aber im Alltag fehlt oft der sichere Weg zwischen zwei Nachbarorten. Genau dort entscheidet sich, ob Menschen das E-Bike als echte Alternative nutzen oder weiter ins Auto steigen.
Der ADFC Thüringen berichtet nach der Sternfahrt vom 7. Juni 2026, dass Verkehrsminister Steffen Schütz in den kommenden zwei Jahren über 30 Millionen Euro für den Radwegebau angekündigt hat. Außerdem sollen kommunale Rad- und Gehwege ab 2027 stärker gefördert werden.
Das Thüringer Infrastrukturministerium nennt für den Stand 1. Januar 2026 insgesamt 362 Kilometer straßenbegleitende Radwege an Bundesstraßen und 280 Kilometer an Landesstraßen. Zwischen 2015 und 2025 wurden nach Ministeriumsangaben rund 135 Millionen Euro für Radwege an Bundes- und Landesstraßen sowie für kommunale Radwege bereitgestellt.
Diese Zahlen zeigen: Es wurde bereits investiert. Trotzdem bleiben gerade im ländlichen Raum viele Alltagslücken offen. Für Nordthüringen ist die neue Zusage deshalb vor allem eine Chance, Einzelprojekte zu einem brauchbaren Netz zu verbinden.
Warum die 30 Millionen nicht automatisch vor Ort ankommen
Eine landesweite Summe ist noch keine fertige Radwegverbindung zwischen zwei Dörfern. Fördergeld wirkt erst, wenn Kommunen, Landkreise und Land konkrete Projekte vorbereiten: mit Zuständigkeit, Planung, Flächenklärung, Kostenrahmen und nachvollziehbarem Nutzen.
Genau hier liegt der Engpass. Ein Radweg an einer Bundesstraße folgt anderen Regeln als ein kommunaler Lückenschluss. Eine touristische Route ist nicht automatisch ein sicherer Pendlerweg. Und eine gute Idee wird erst dann förderfähig, wenn sie planerisch sauber beschrieben ist.
Für Kyffhäuserkreis, Unstrut-Hainich-Kreis und Eichsfeld bedeutet das: Wer vom neuen Geld profitieren will, braucht keine Wunschliste mit möglichst vielen Kilometern, sondern eine klare Reihenfolge nach Sicherheit, Alltagsnutzen und Netzanschluss.
Kyffhäuserkreis: Netzlücken zwischen Tourismus und Alltag schließen
Im Kyffhäuserkreis gibt es bereits konkrete Bausteine. Der KYFF-Helbe-Radweg ist nach Angaben des Landratsamtes ein wichtiges Projekt, das Helbedündorf, Holzsußra und Ebeleben mit dem überregionalen Unstrut-Werra-Radweg verbinden soll. Für das Projekt wurde ein Zuwendungsbescheid über knapp 5,2 Millionen Euro erteilt. Die Umsetzung ist bis 2028 vorgesehen.
Das ist genau die Art von Verbindung, die Nordthüringen braucht: nicht nur ein schöner Ausflugsweg, sondern ein Netzschluss zwischen Orten und bestehenden Routen.
Auch der Kyffhäuserland-Radweg zeigt, wie Fördergeld wirken kann. Der sechs Kilometer lange Abschnitt an der Barbarossahöhle wurde im Mai 2026 eröffnet und mit 3,1 Millionen Euro aus der Nationalen Klimaschutzinitiative unterstützt. Er schließt eine Lücke zwischen bestehenden Radachsen und ergänzt touristische Infrastruktur wie Abstellanlagen, Radboxen, Reparaturstationen und E-Bike-Lademöglichkeiten. Eine regionale Einordnung bietet der Beitrag Kyffhäuserland-Radweg: Neuer Lückenschluss an der Barbarossahöhle.
Für die nächsten Förderentscheidungen sollte der Kyffhäuserkreis aber nicht nur auf touristische Attraktivität schauen. Priorität brauchen Verbindungen, die Orte wie Sondershausen, Ebeleben, Helbedündorf, Bad Frankenhausen und kleinere Ortsteile sicher miteinander verknüpfen. Denn E-Bike-Pendler profitieren am meisten von Wegen, die schnelle Straßen vermeiden und trotzdem direkt bleiben.
Unstrut-Hainich-Kreis: sichere Zubringer zu Mittelzentren und Bahnhöfen
Im Unstrut-Hainich-Kreis ist die Ausgangslage anders. Mühlhausen und Bad Langensalza sind wichtige Mittelzentren, zugleich liegen viele kleinere Orte im Pendelradius eines E-Bikes. Genau dort braucht es sichere Zubringer: zum Bahnhof, zur Schule, zum Gewerbegebiet, zur Innenstadt und zu regionalen Busachsen.
Der Kreistag hat darüber am 24. Februar 2026 einen Beschluss über die Erstellung eines kreisweiten Radverkehrskonzeptes zugestimmt. Das zeigt: Auch hier steht die strategische Netzplanung auf der politischen Agenda. Entscheidend wird sein, dass ein solches Konzept nicht bei touristischen Routen stehen bleibt, sondern den Alltagsradverkehr für uns Nordthüringer ernst nimmt.
Für E-Bike-Nutzer sind im Unstrut-Hainich-Kreis vor allem drei Fragen wichtig:
- Komme ich sicher aus dem Dorf zum nächsten Bahnhof oder Busknoten?
- Gibt es zwischen Nachbarorten Alternativen zur Bundes- oder Landesstraße?
- Sind die Wege auch für Alltagstempo, Dunkelheit und schlechtes Wetter brauchbar?
- Gibt es an Bahnhöfen und am Busbahnhof sichere Abstellmöglichkeiten für mein Rad?
Gerade weil das E-Bike Distanzen von 10 bis 20 Kilometern realistischer macht, kann der Unstrut-Hainich-Kreis vom Radwegebau profitieren. Aber nur, wenn die Lücken zwischen Ortsteilen und Zentren geschlossen werden. Ein schöner Freizeitweg am Wochenende ersetzt keinen sicheren Pendlerkorridor am Montagmorgen.
Eichsfeld: Konzept jetzt in baureife Projekte übersetzen
Im Eichsfeld ist der wichtigste aktuelle Punkt das neue Radverkehrskonzept. Der Landkreis hat im März 2026 den Auftakt dafür bekannt gegeben. Ziel ist eine belastbare Entscheidungsgrundlage für die kommenden acht bis zehn Jahre. Das Konzept soll konkrete Handlungsempfehlungen für Routen liefern und mit den Straßenbaulastträgern abgestimmt werden.
Das ist für Fördermittel entscheidend. Wenn ab 2027 kommunale Rad- und Gehwege stärker gefördert werden sollen, braucht das Eichsfeld nicht nur eine Analyse, sondern möglichst schnell priorisierte, vorbereitete und begründete Projekte.
Gerade im Eichsfeld sind sichere Verbindungen zwischen kleineren Orten wichtig. Viele Alltagswege führen nicht in die große Stadt, sondern zum nächsten Grundzentrum, zur Schule, zum Bahnhof, zum Einkauf oder zur Arbeitsstelle im Nachbarort. Das neue Konzept sollte deshalb klar unterscheiden: Welche Routen sind touristisch interessant? Welche sind für Pendler wichtig? Und wo decken sich beide Zwecke?
Mehr Hintergrund zur regionalen Planung steht im Beitrag Neues Radverkehrskonzept für das Eichsfeld.
Für mich persönlich würden hier vor allem zwei Bereiche in Betracht kommen, von Hüppstedt aus in Richtung Leinefelde/Worbis und von Beberstedt aus in Richtung Silberhausen (Unstrut-Radweg) müssten sinnvoll Lücken geschlossen werden, die das Radfahren sicherer machen würden.
Was Nordthüringen jetzt priorisieren sollte
Für alle drei Regionen gilt: Neue Fördermittel sollten zuerst dort eingesetzt werden, wo sie echte Lücken schließen. Ein kurzer Abschnitt kann mehr bewirken als viele Kilometer, wenn er einen gefährlichen Restweg ersetzt oder zwei vorhandene Routen verbindet.
Im Kyffhäuserkreis liegt der Schwerpunkt auf Netzanschlüssen zwischen bestehenden Radachsen und ländlichen Gemeinden im Westteil des Landkreises. Im Unstrut-Hainich-Kreis sind sichere Zubringer zu Mühlhausen, Bad Langensalza, Bahnhöfen und Schulstandorten besonders wichtig. Im Eichsfeld kommt es darauf an, das neue Radverkehrskonzept schnell in konkrete Maßnahmen zu überführen.
Komfortangebote wie Ladepunkte, Radboxen oder Reparaturstationen sind sinnvoll. Sie sollten aber nicht die Grundfrage überdecken: Gibt es überhaupt einen sicheren, durchgehenden Weg? Für E-Bike-Pendler ist der beste Ladepunkt wenig wert, wenn die letzten drei Kilometer über eine unangenehme Landstraße führen.
Warum E-Bike-Pendler im Mittelpunkt stehen sollten
Das E-Bike verändert die Reichweite im ländlichen Raum. Strecken, die mit dem normalen Fahrrad für viele zu lang oder zu anstrengend waren, werden plötzlich alltagstauglich. Das gilt besonders für Wege zwischen kleineren Orten und Mittelzentren.
Aber Motorunterstützung ersetzt keine sichere Infrastruktur. Wer mit 25 km/h Unterstützung fährt, ist auf einer engen Landstraße trotzdem ungeschützt. Bei Berufsverkehr, Dunkelheit, Regen oder Seitenwind entscheidet die Wegequalität darüber, ob Menschen das E-Bike wirklich nutzen.
Deshalb sollte Nordthüringen beim Radwegebau nicht nur an Wochenendausflüge denken. Tourismus bleibt wichtig, aber der größte Alltagseffekt entsteht dort, wo Menschen regelmäßig fahren: zur Arbeit, zur Schule, zum Bahnhof, zur Arztpraxis, zum Einkauf oder zum Sportverein. Passend dazu lohnt ein Blick auf den Beitrag Pendeln mit dem E-Bike in Nordthüringen.
Welche Kriterien eine regionale Prioritätenliste braucht
Eine gute Prioritätenliste sollte nicht danach sortieren, welche Idee politisch gerade am lautesten vertreten wird. Sie sollte nachvollziehbar machen, wo ein Radweg den größten Nutzen bringt.
Wichtige Kriterien sind:
- Sicherheit: Wird eine gefährliche Straße oder Querung entschärft?
- Alltagsnutzen: Verbindet der Weg Wohnorte mit Bahnhof, Schule, Arbeit oder Einkauf?
- Netzanschluss: Schließt der Abschnitt eine Lücke zwischen bestehenden Routen?
- Direktheit: Ist der Weg alltagstauglich oder nur ein großer Umweg?
- Umsetzbarkeit: Sind Zuständigkeit, Flächen und Planung realistisch klärbar?
- Pflege: Kann der Weg dauerhaft sauber, befahrbar und verständlich beschildert bleiben?
Gerade der letzte Punkt wird unterschätzt. Ein Radweg ist keine einmalige Baumaßnahme. Er braucht Pflege, Wintertauglichkeit, Markierung, Kontrolle und Reparaturen. Sonst wird aus einer Investition schnell ein unsicherer Restweg.
Was Bürgerinnen und Bürger beitragen können
Radwegeplanung wirkt oft abstrakt, aber lokale Hinweise sind wertvoll. Wer regelmäßig mit dem E-Bike fährt, kennt die entscheidenden Stellen: die enge Kurve, die fehlende Querung, den plötzlich endenden Weg, den Schotterabschnitt hinter dem Ortsschild oder die Landstraße ohne Ausweichraum.
Hilfreich sind konkrete Rückmeldungen an Kommunen, Kreise oder Beteiligungsformate:
- Wo genau liegt die Lücke?
- Wer nutzt die Verbindung heute oder würde sie nutzen?
- Geht es um Pendeln, Schule, Bahnhof, Einkauf oder Tourismus?
- Welche gefährliche Stelle könnte entschärft werden?
- Gibt es bereits einen vorhandenen Weg, der ausgebaut oder beschildert werden könnte?
Je konkreter solche Hinweise sind, desto besser lassen sie sich in Radverkehrskonzepte und Förderanträge übersetzen.
Für die eigene Tourenplanung bleibt wichtig: Strecken vorher prüfen, Reststücke auf Landstraßen realistisch einschätzen, Beleuchtung nutzen und bei längeren Fahrten Akku, Wind und Höhenmeter einplanen. Regionale Inspiration bietet die Tourenübersicht von ebike-kyf.de.
Fazit: Nordthüringen braucht kein Stückwerk, sondern sichere Verbindungen
Die angekündigten 30 Millionen Euro für Thüringens Radwege sind ein starkes Signal. Für Kyffhäuserkreis, Unstrut-Hainich-Kreis und Eichsfeld kommt es jetzt darauf an, dieses Signal in konkrete Projekte zu übersetzen.
Die Priorität sollte klar sein: zuerst gefährliche Lücken schließen, dann Orte, Bahnhöfe und Mittelzentren verbinden, danach Komfortangebote ergänzen. Der Kyffhäuserkreis hat mit KYFF-Helbe und Kyffhäuserland-Radweg bereits sichtbare Bausteine. Der Unstrut-Hainich-Kreis braucht ein starkes Alltagsnetz rund um Mühlhausen, Bad Langensalza und kleinere Orte. Das Eichsfeld muss sein neues Radverkehrskonzept schnell in umsetzbare Projekte überführen.
Wenn das gelingt, wird aus der politischen Zusage mehr als eine Fördernachricht: ein echter Fortschritt für E-Bike-Pendler, Familien, Tourenfahrer und alle, die in Nordthüringen sicherer ohne Auto unterwegs sein wollen.
Quellenverzeichnis
- ADFC Thüringen: „Fahrradsternfahrt 2026“, Bericht zur ersten Thüringer Fahrradsternfahrt am 7. Juni 2026, URL: https://thueringen.adfc.de/artikel/sternfahrt-2026, Abrufdatum: 22.06.2026.
- Thüringer Ministerium für Digitales und Infrastruktur: „Radverkehr“, Radwege in Thüringen in Zahlen und Zielsetzung des Landes, URL: https://digitales-infrastruktur.thueringen.de/unsere-themen/verkehr-und-strassenbau/radwege, Abrufdatum: 22.06.2026.
- Landratsamt Kyffhäuserkreis: „Startschuss für neuen KYFF-Helbe-Radweg“, URL: https://www.kyffhaeuser.de/kyff-helbe-radweg/, veröffentlicht am 30.09.2025, Abrufdatum: 22.06.2026.
- Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit: „Thüringen: Radweg im Kyffhäuserland eingeweiht“, URL: https://www.bundesumweltministerium.de/pressemitteilung/thueringen-radweg-im-kyffhaeuserland-eingeweiht, veröffentlicht am 15.05.2026, Abrufdatum: 22.06.2026.
- Landkreis Eichsfeld: „Auftakt für neues Radverkehrskonzept im Landkreis Eichsfeld“, URL: https://www.kreis-eic.de/aktuelles/pressemitteilungen/pressemitteilungen-details/pm-26-29, veröffentlicht am 09.03.2026, Abrufdatum: 22.06.2026.
- Stadt Leinefelde-Worbis: „Auftakt für neues Radverkehrskonzept im Eichsfeld“, URL: https://www.leinefelde-worbis.de/de/aktuelles/2026/maerz/auftakt-fuer-neues-radverkehrskonzept-im-eichsfeld/, veröffentlicht am 09.03.2026, Abrufdatum: 22.06.2026.
- Landratsamt Unstrut-Hainich-Kreis: Amtsblatt 04 vom 16.02.2026, Tagesordnung Kreistag am 24.02.2026 mit Änderung zum Beschluss über die Erstellung eines kreisweiten Radverkehrskonzeptes, URL: https://www.unstrut-hainich-kreis.de/fileadmin/Dokumente/Amtsblatt/amtsblatt_2026-04_2026-02-16.pdf, Abrufdatum: 22.06.2026.